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gdpv-Forum I/2008 PDF Drucken E-Mail

 Gruppenbild in Albendorf


"Zwischen Böhmen, Deutschland und Polen. Das Glatzer Land im kulturellen Grenzgebiet". Tagung der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung vom 24. bis 27. April 2008 in Habelschwerdt / Bystrzyca Kłodzka


Die im südlichen Teil des Glatzer Landes gelegene Stadt Habelschwerdt (Bystrzyca Kłodzka) war der Veranstaltungsort der diesjährigen Frühjahrstagung der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv).

Die gdpv ist eine Jugendorganisation, zu deren Zielen es gehört, die junge Generation für die Geschichte und Kultur Schlesiens zu begeistern und sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auf der Basis der christlichen Verständigung auseinander zu setzen. Sie veranstaltet mehrmals im Jahr Tagungen an verschiedenen Orten Nieder-, Ober- und Mährisch-Schlesiens und geht auch landeskundlichen Gegebenheiten und Traditionen der jeweiligen Teilregion nach.

Die diesjährige Frühjahrstagung fand vom 24. bis 27. April unter dem Thema „Zwischen Böhmen, Polen und Deutschland. Das Glatzer Land im kulturellen Grenzgebiet“ statt. Über 50 Personen aus Deutschland und Polen, darunter zahlreiche junge Menschen, folgten der Einladung nach Habelschwerdt.

Nach einer umfangreichen Vorstellungsrunde am ersten Abend begann der folgende Vortragstag mit einer thematischen Einführung vom Kulturreferenten für Schlesien am Schlesischen Museum zu Görlitz, Dr. Michael Parak, zur geographischen Lage und historisch-kulturellen Prägung des Glatzer Landes. Anschließend stellte Julian Golak die in Glatz seit der politischen Wende von 1989/90 herausgegebene dreisprachige Zeitschrift „Glatzer Bergland“ vor. Als Ergänzung dazu referierte der im niederschlesischen Landtag tätige Prof. Lesław Koćwin über die polnische und tschechische Lokalbevölkerung in der „Euroregion Glaciensis“, zu deren Mitbegründern er zählt.

Das Glatzer Land erfuhr seine größten Umbrüche im 20. Jahrhundert. Nach der Flucht und Vertreibung der Deutschen und der Ansiedlung von Polen, die im größten Maße aus der Lemberger Umgebung kamen, wurde die lokale Bevölkerung durch Neuankömmlinge nahezu komplett ersetzt. Damit verbunden ist der Verlust des Kulturguts, da die neuen Bewohner des Glatzer Landes die deutschen Bräuche, Traditionen und die Mundart nicht übernommen haben. Insbesondere die aus Ostpolen geströmten Neusiedler rechneten jahrzehntelang stets mit der neuerlichen Vertreibung, so dass eine Integration und Identität mit der Region unmöglich war.

Gleiches Schicksal erlitten die Nordböhmen jenseits der Grenze. So wurde das Grenzgebiet auf beiden Seiten von Neubürgern bewohnt, die mit der Region und mit der Nachbarbevölkerung nicht verbunden waren. Da die sozialistische „Friedensgrenze“ äußerst streng bewacht war und das Glatzer Land militarisiert wurde, entfremdeten sich die Polen und die Tschechen voneinander. Auch heute gestaltet sich die Annäherung beider Völker sehr schwierig. Erstaunlicherweise sind deutsch-polnische Begegnungsmaßnahmen viel fruchtbarer und zahlreicher als beispielsweise polnisch-tschechische Kontakte. Julian Golak deutet diesen Umstand mit mangelnder Kommunikationsebene. So hätten Bildung und Kultur im Glatzer Land heute einen großen Stellenwert, während Nordböhmen überwiegend von der Arbeiterschaft geprägt sei. Hierbei sei es schwierig, eine gemeinsame Sprache zu finden. Dennoch gehen beide Völker aufeinander zu. So steigt etwa die Anzahl von polnisch-tschechischen Schulaustauschprogrammen. Projekte wie die dreisprachige Zeitschrift „Glatzer Bergland“ sind jedoch ein Beweis dafür, dass das Interesse am tschechischen und deutschen Nachbarn wächst, auch wenn es langsam vorangeht.

Einen ausführlichen Überblick über die Geschichte des Glatzer Landes gab die in Breslau lehrende und für Publikationen über die Region bekannte Dr. Małgorzata Ruchniewicz. So wurde den Teilnehmern verdeutlicht, dass das Glatzer Land durch religiöse Auseinandersetzungen erheblich beeinflusst worden ist. Hussitenkriege, Reformation und Gegenreformation haben die Region und die Bevölkerung stark geprägt. Vergleichsweise kurz ist dagegen die polnische Geschichte des Glatzer Landes, die erst 1945 ansetzt.

Ein nicht zu wegzudenkender Aspekt der Geschichte des Glatzer Landes ist der (Kur-) Tourismus, der sich seit dem 19. Jahrhundert zu einem Massenphänomen entwickelt hat, die Region aber schon früher geprägt hatte. Hierüber referierte Dr. Thomas Przerwa von der Breslauer Universität, ein Experte auf diesem Gebiet, der sich auf die Touristikgeschichte des Glatzer Landes spezialisiert hat. Mit zahlreichen Bildern und Photographien konnte er die Entwicklung dieses für die Region so wichtigen Sektors untermauern. Zum Abschluss präsentierte Dr. Gregor Ploch (Ratingen) den Tagungsteilnehmern einige Legenden und Mythen aus dem Glatzer Land.

Die Tagung wurde von einer ganztägigen Exkursion durch das Glatzer Land und die böhmische Nachbarregion umrahmt. Durch die exzellente Gestaltung seitens der Mitarbeiter des Oberschlesischen Landesmuseums zu Ratingen (Hösel), Dr. Stephan Kaiser und Milena Iskrzycka, konnten sich die Tagungsteilnehmer ein Bild von der Vielseitigkeit und Schönheit der Region machen. Exkursionsziele waren die Schlossanlage in Grafenort, die Kirche in Rengersdorf, die Stadt Glatz, der Wallfahrtsort Albendorf sowie das Benediktinerkloster im böhmischen Braunau. Zur Verdeutlichung der Kurregion wurde auf dem Rückweg der Kurort Altheide angefahren. Abends kam es zu einer Diskussionsrunde mit Vertretern der lokalen Bevölkerung von Habelschwerdt. So kann seit einigen Jahren die Tendenz festgestellt werden, dass sich die Bewohner immer stärker für die Geschichte ihrer „kleinen Heimat“ interessieren. Auch wenn die meisten Familien erst nach 1945 in die Region gekommen sind, können sie sich dennoch mit der Vorkriegsgeschichte identifizieren und als die eigene betrachten. Der Umgang mit deutschen Spuren gehört heute zur Selbstverständlichkeit und wird gerne erforscht. Dennoch müssen die Glatzer strukturelle Probleme bewältigen, wozu etwa die Erwerbsmigration gehört. Viele junge Menschen wandern auf der Suche nach Arbeit ins Landesinnere oder ins Ausland aus, so dass alle Gemeinden starken Bevölkerungsrückgang beklagen. Andererseits versucht man, den Bildungs- und Tourismusbereich noch stärker zu positionieren, um zahlungswillige Gäste zu locken und Arbeitsplätze zu schaffen.

Während der Tagung konnte auch das christliche Fundament der gdpv gebührend zum Vorschein kommen. Dank der geistlichen Begleitung begann jeder Tag mit dem Morgenlob; am Sonntagmorgen feierten die Tagungsteilnehmer den Gottesdienst in der Habelschwerdter Pfarrgemeinde.
Die Organisatoren danken dem Bundesministerium für Inneres für die finanzielle Unterstützung, ohne die die Ausrichtung der Tagung nicht möglich gewesen wäre.

Gregor Ploch