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gdpv-Forum I/2007 PDF Drucken E-Mail


 

Das kulturelle Bewusstsein und die Tradition im Teschener Schlesien: Beitrag der Grenzbewohner für die deutsch-polnische Verständigung. Tagung der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv) vom 12. bis 15. April 2007 in Teschen/Cieszyn


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Die österliche Woche war ein Anlass für die Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv), zu ihrem Frühjahrsforum an den historischen Randbezirk Schlesiens zu fahren. Rund siebzig Interessierte, unter ihnen viele Jugendliche, folgten dieser Einladung, um das Teschener Schlesien näher kennen zu lernen.
Dabei wird dieser Teil Oberschlesiens selbst unter Forschern vernachlässigt, da Oberschlesien eher mit dem Industrierevier oder dem Oppelner Teil assoziiert wird. Das ist leider schade, hat doch Teschen eine sehr bunte Geschichte, die bis heute sichtbar ist.
Zu Beginn verdeutlichte der Direktor des Oberschlesischen Museums in Ratingen, Dr. Stephan Kaiser, die historische Entwicklung der Region. Zwischen den Sudeten und den Karpaten gelegen, bildete das Teschener Schlesien eine natürliche kulturelle Einzugspforte aus dem Süden. Daher ist nicht verwunderlich, dass sich die Bevölkerung dieser Region immer sehr stark nach Wien orientiert hatte.
Welchen Einfluss die Habsburgermonarchie auf die Bräuche und die Tradition der Menschen hinterlassen hat, zeigte sehr lebendig die Direktorin des Beskidenmuseums aus der benachbarten Stadt Weichsel (Wisła), Małgorzata Kiereś. Frau Kiereś befasst sich als Ethnografin insbesondere mit den Bräuchen innerhalb der Bergbewohner der Beskiden, den Goralen. Die Habsburgerkrone wurde stets von den Menschen verehrt, wie man nicht nur in Archiven erforschen, sondern auch aus Erzählungen von alten Menschen erfahren kann. Dabei war die Region kein vom Kaiser vergessener Bezirk der k.k. Monarchie. In Weichsel stand ein kleines Schlösschen, in dem Franz Josef I. verkehrte, als er regelmäßig zur Jagd anreiste. Verkehrsanbindung an Wien war zu Beginn des 20. Jh. sehr ausgebaut, da eine Eisenbahnlinie vom slowakischen Kaschau über das Teschener Land nach Wien führte und viel genutzt wurde.
Man reiste viel nach Wien, da nur dort hochqualitative Stoffe gekauft wurden, die für die Erstellung der traditionellen bunt gestickten Trachten nötig waren. Mit diesen Trachten reisten sogar Abgesandte der Goralen nach Wien, um dem Kaiser die Ehrerbietung der Bewohner zu sichern und ihn zu unterweisen, wie man als ein guter Mensch leben solle.
Nach diesem sehr anschaulichen Vortrag, in dem sich die Referentin selbst nicht davor scheute, Tanz- und Gesangselemente einzubauen, wurde ein weiteres wichtiges Thema besprochen. Der Historiker an der Schlesischen Universität in Kattowitz/Teschen, Dr. habil. Janusz Spyra, nahm sich der Geschichte der Juden in der Region an. Bis zur Hälfte des 19. Jh. verlief das konfessionelle Zusammenleben von Katholiken, Protestanten und Juden recht harmonisch. Die Juden lebten wie auch in anderen Regionen in der gehobenen gesellschaftlichen Schicht, und nicht selten bekleideten sie hohe Ämter in der Stadt- und Gemeindeverwaltung. Die ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. einsetzende Welle des Nationalismus erreichte auch die Teschener Region. Die Juden fühlten sich stets der deutsch-österreichischen Sprach- und kulturellen Tradition zugehörig. Politisch unterstützten sie die deutsch-liberale Partei, welche auch die Interessen der Juden im Troppauer Landtag vertrat. Umso verwirrender wurde für sie der Umstand, dass sich nicht wenige Deutsche radikalisierten und antisemitisch wurden. Das nutzten jedoch die Polen und Tschechen nicht, die Juden auf ihre Seite zu ziehen. Sie konzentrierten sich auf ihre nationale Bewegung, welche den Juden gegenüber nicht gerade freundlich eingestellt war. Trotz Radikalisierungstendenzen innerhalb der deutschen Bevölkerung fühlten sich die Juden ihnen zugehörig, doch konnte die deutsch-liberale Partei immer weniger Einfluss ausüben.
Die zweite große nichtkatholische Konfession stellten die Protestanten dar. Gerade im Teschener Schlesien gab und gibt es bis heute die meisten Gemeinden. Der Historiker am Beskidenmuseum in Weichsel, Maciej Oczkowski, veranschaulichte ein Fragment der Geschichte dieser Tradition. 1905 kam es zu einer Erneuerungsbewegung innerhalb der christlichen nichtkatholischen Bevölkerung. Sie zielte darauf, den Glauben zu beleben und die Menschen für ihn zu begeistern. Es wurden neue geistliche Lieder gesungen, es kam zu spontanen Gebetstreffen, oder es kamen Prediger, die Ansprachen hielten. Gerade der Austausch unter einzelnen Gemeinden war wichtig, um Erfahrungen untereinander auszutauschen. Diese Bewegung ist bis heute tätig.
Im Anschluss an diesen Vortrag besichtigten die Teilnehmer die protestantische Kirche in Teschen, in der sie auch kurz über die Geschichte der Protestanten in der Region erfuhren. Die Teschener Jesus-Kirche ist eine der größten schlesischen Kirchen. Sie war bis zum Toleranzedikt des Kaisers Joseph II. von 1781 die einzige protestantische Kirche in der Region. Da sie nur als Friedenskirche außerhalb der Stadtmauern gebaut werden konnte, überstand sie zwei große Feuersbrände, unter denen die Stadt stark leiden musste. Heute ist die Kirche ein imposantes Beispiel des Klassizismus und des österreichischen Barocks. Ein interessanter Umstand ist, dass die Zugehörigkeit zum Protestantismus im Teschener Schlesien stets mit polnischen Einwohnern, und die katholische Konfession mit deutscher Bevölkerung assoziiert wurden. Gerade in den übrigen Teilen Oberschlesiens war es umgekehrt. Die Gemeinde umfasst heute ca. 6500 Gläubige.
Um die Bräuche und die Tradition stärker zu verdeutlichen, konnten sich die Teilnehmer an vielen visuellen Elementen erfreuen. Sehr eindrucksvoll war der Auftritt der Janina Marcinkowa – Lied- und Tanzgruppe, die lokale Tänze und Gesänge präsentierte. Das Ensemble besteht aus rund 30 Personen. Da es die Folklore sehr lebendig und witzig präsentieren kann, bekommt es regen Nachwuchszulauf und ist sehr gefragt.
Neben der Besichtigung des polnischen und tschechischen Stadtteils Teschen brachen die Tagungsteilnehmer zum benachbarten Skotschau (Skoczów) auf. Die kleine, doch schon seit dem Mittelalter bestehende Stadt kann den Besuchern viel Tradition bieten. Die Stadtarchitektur zeigt schon auf den ersten Blick, dass man sich in der Habsburgermonarchie befand.
Die Tagungsteilnehmer wurden zunächst von der Bürgermeisterin, Frau Janina Żagan, vom emeritierten protestantischen Pastor, Andrzej Czyż, und von der Vertreterin des Gemeindeamtes, Ewa Bojda begrüßt. Der Pfarrer erzählte kurz über die Geschichte der Gemeinde. Sehr stolz sind die evangelischen Christen darauf, dass Papst Johannes Paul II. ihre Einladung angenommen hatte und die Stadt im Jahre 1995 besuchte. Dabei suchte er nicht die katholische Kirche zum Gebet auf, sondern traf sich mit dem evangelischen Landesbischof zu einer ökumenischen Andacht in der protestantischen Kirche. Von der Kirche führt ein romantischer Weg auf einen Hügel, auf dem eine Kapelle steht. Vor ihr wurde ein großes Kreuz angebracht, das für die Papstmesse in Gleiwitz aufgestellt wurde. Von diesem Hügel bietet sich ein phantastischer Panoramablick auf die Region und die Beskiden.
Sehr ergreifend war die Gastfreundschaft, die die Tagungsteilnehmer seitens der evangelischen Gemeinde und der Stadtvertreter erfahren durften. Zur Stärkung gab es ein reichhaltiges Morgenbuffet mit selbst gemachtem Kuchen, der schlesischen Golatsche.
Die Organisatoren bedanken sich sehr herzlich beim Bundesbeauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für die finanzielle Unterstützung, ohne die diese wertvolle Tagung nicht möglich gewesen wäre.
Im Anschluss an die Tagung trafen sich die Mitglieder der gdpv, um Vorstandsneuwahlen vorzunehmen. Der Vorsitzende Gregor Ploch wurde in seinem Amt bestätigt. Zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde Sebastian Kortz gewählt. Weitere Vorstandmitglieder sind Patryk Szkudlarek und Katarzyna Golab-Schafrik. Beisitzer sind Teresa Zezulak und Paweł Ptok. Der Vorsitzende bedankte sich für die Mitarbeit zwischen dem Vorstand und der Geschäftsführerin, Dr. Christine Kucinski, und hofft, dass die Arbeit in den nächsten zwei Jahren im bewährten Rahmen weiter verlaufen wird.

Gregor Ploch