

Deutsch-polnische Verständigung konkret. Zukunft braucht Erinnerung. Tagung der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung vom 6. bis 9. April 2006 in Glogau / Głogów Kurz vor Ostern trafen sich Freunde und Mitglieder der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv) zahlreich auf der Frühjahrstagung, um der Frage nachzugehen, wie die deutsch-polnische Verständigung konkret in die Tat umgesetzt werden kann. Dabei wurde das niederschlesische Glogau als Veranstaltungsort nicht zufällig gewählt. Diese Stadt verkörpert ein sehr gelungenes Beispiel dafür, wie Deutsche und Polen ihre Geschichte bewältigen und sich für eine gemeinsame Zukunft einsetzen können.
Schon vor der Wende traf sich eine Reihe von heimatvertriebenen deutschen Glogauern mit den dort angesiedelten Polen. Damals bot sich den Besuchern ein trauriger Blick: der einst schöne historische und während des Zweiten Weltkrieges zerstörte Stadtkern wurde in der Folgezeit nicht wieder aufgebaut. Es wurde den deutschen und polnischen Glogauern klar, dass diese Stadt ihre einstige Pracht wieder erlangen und zu einem einladenden Ort der Begegnung beider Völker werden soll. Eine Vision, die erst nach dem Fall der Mauer Wirklichkeit werden konnte.
Um sich diesen Prozess zu vergegenwärtigen, befassten sich die Teilnehmer der Tagung mit der Geschichte der vertriebenen deutschen und den neuangesiedelten polnischen Glogauern. Zunächst gab der Kulturreferent am Schlesischen Museum in Görlitz, Dr. Michael Parak, in seinem einführenden Referat einen allgemeinen Überblick über die Situation und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Deutschland nach 1945. Im Anschluss daran erläuterte der Vorsitzende des Glogauer Heimatbundes, Prof. Alfred Palissa (Berlin), welches Schicksal die deutschen Glogauer in dieser Zeit erfahren mussten. Dabei waren rund 30.000 Menschen betroffen, die ab Juni 1946 in großen Flüchtlingsströmen ihre Stadt verlassen und unterwegs durch Hunger, Frost und Müdigkeit dezimiert wurden. Heute leben sie ganz verstreut im ganzen Bundesgebiet.
Dem gegenüber stellte die aus Oberschlesien stammende Historikerin Evelyne A. Solga (Köln) den Verlauf der Ansiedlung von Polen in Schlesien nach 1945. Hierbei muss man drei große Gruppen unterscheiden: die Umsiedler aus Zentralpolen, die sog. „Repatrianten“, also Übersiedler aus den der Sowjetunion zugefallenen polnischen Ostgebieten, und polnische Remigranten, die aus den westeuropäischen Industriegebieten, insbesondere Frankreich und Deutschland zurückkamen. Durch diese Entwicklung wurde Schlesien in den ersten Jahren nach 1945 zum „Wilden Westen“, in dem hohe Kriminalität und Instabilität herrschten. Rund 45% aller polnischen Umsiedler fanden dort ihre neue Heimat.
Der Vorsitzende des Bundes des Glogauer Landes, Antoni Bok, referierte im Anschluss ausführlich über den Aufbau und die Entwicklung der zerstörten Stadt nach 1945. Die 1946 durchgeführte Volkszählung ergab, dass im Glogauer Kreis rund 30.000 Menschen lebten, was einen dramatischen Einbruch bei der Bevölkerungszahl bedeutete. Die ursprünglich landwirtschaftlich orientierte Region wandelte sich ab den 1960er Jahren zum Zentrum der polnischen Kupferindustrie, weshalb sich in der Stadt immer mehr Menschen ansiedelten. So war es den kommunistischen Machthabern wichtig, die Entwicklung der Region aus industriellen Erwägungen voranzutreiben.
Zu welchen politischen Veränderungen es in Glogau nach 1988 gekommen ist, davon sprach der Leiter des Archäologisch-Historischen Museums der Stadt, Leszek Lenarczyk. Das stellte einen langen und schwierigen Prozess dar, denn zunächst mussten die Menschen das vom Regime konstruierte Bild des bösen revanchistischen Westdeutschen ablegen und sich vergegenwärtigen, dass ihr Lebensraum keinesfalls ein „urpolnisches“ Gebiet ist, sondern eine lange deutsche Geschichte hat. Durch die Begegnung mit Deutschen, und insbesondere mit vertriebenen deutschen Glogauern, konnten sie sich davon überzeugen, dass diese den polnischen Bewohnern nicht schaden, sondern im Gegenteil helfen wollen, indem sie sich für die Entwicklung der Stadt und die Annäherung der Region an die Europäische Gemeinschaft engagierten.
Den langen Weg zur Verständigung und zum Dialog zwischen Deutschen und Polen erläuterte Dr. Klaus Schneider (Leipzig), auf den diese ganze Initiative zurückgeht. Schneider reiste 1985 zum ersten Mal seit seiner Vertreibung nach Glogau und erlebte einen großen Schock, als er sah, in welchem Zustand sich damals die Stadt befand. Durch zahlreiche Begegnungen mit den Einheimischen wurde der Wunsch artikuliert, Glogau wieder aufzubauen und die wechselvolle Geschichte der Stadt zu betonen. Es dauerte rund zwanzig Jahre, bis dieser Wunsch Schritt für Schritt realisiert werden konnte. Dabei besteht die große Leistung nicht nur darin, dass das historische Glogau aus den Ruinen gehoben werden konnte, sondern dass ehemalige deutsche und heutige polnische Bewohner der Stadt aufeinander zugehen konnten und gemeinsame zwischenmenschliche Projekte durchführen.
Von diesen Unternehmungen, die seit 1990 realisiert wurden und werden, berichteten in einem Rundgespräch der ehemalige Bürgermeister, Jacek Zielinski, der amtierende Bürgermeister Zbigniew Rybka sowie Dr. Schneider und Manfred Liersch. Durch viele Veranstaltungen und sichtbare Zeichen in Form von Gedenksteinen wurde der Öffentlichkeit die mannigfaltige Geschichte der Stadt nahegebracht, welche durch Deutsche und nachher Polen, sowohl Katholiken wie auch Protestanten und Juden geprägt worden ist. Dabei versucht man, auch die Jugendlichen für die Annäherung von Deutschen und Polen bei der Aufarbeitung der Geschichte und der Ausrichtung auf die Zukunft hin einzubeziehen. Sehr bezeichnend dafür ist der diesjährig stattgefundene Wettbewerb, bei dem sich zahlreiche Schulklassen im Glogauer Rathaus einfanden, um dort Stücke aus der klassischen deutschen Literatur in der Originalsprache vorzutragen.
Optisch verdeutlicht wurde die Tagung durch eine Exkursion durch die Glogauer Altstadt und in die umgebende Region, die voller Spuren gemeinsamer Geschichte und der deutsch-polnischen Annäherung ist. Auf dem Programm stand die Besichtigung des Renaissanceschlosses in Klein Tschirne (Czerna), der ehemaligen protestantischen und heute katholischen Jakobuskirche in Jakobskirch (Jakubów), welche in der Nähe einer bedeutenden Quelle steht, einer Dorfkirche in Wiesau (Radwanice), an die vor einigen Jahren eine Gedenktafel für die ehemaligen deutschen Bewohner angebracht wurde, und schließlich der prächtigen barocken Johannes der Täufer-Kirche im Wallfahrtsort Hochkirch (Grodowiec), welche heute ein Mariensanktuarium ist.
Die Teilnehmer der Tagung konnten bereichert nach Hause fahren, denn an diesem konkreten Beispiel der gelebten Annäherung von Deutschen und Polen wurde allen deutlich, dass einige wenige Menschen Vieles bewirken können, und dass jede noch so kleine Unternehmung große Früchte tragen kann.
Gregor Ploch
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