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Teilnehmer 2005

"Die katholische Kirche im Nationalsozialismus". Tagung der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung vom 27. bis 30. Oktober 2005 in Jauernick bei Görlitz

 

In ihrer traditionellen Herbsttagung versammelte sich die Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv) Ende Oktober wiederum in Jauernick bei Görlitz, um sich einem delikaten Thema zu widmen. Das Verhalten der katholischen Kirche gegenüber dem Naziregime bildet schon seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ein kontroverses Betätigungsfeld nicht nur für Historiker.

Aktualität bekam die Thematik durch die jüngste Seligsprechung des Münsteraner Oberhirten, Clemens August Kardinal Graf von Galen in diesem Oktober. Kardinal von Galen war wohl die markanteste Persönlichkeit des deutschen Katholizismus während der Kriegszeit, da er sich mutig und offen gegen die NS-Praktiken aussprach.

Vor diesem Hintergrund sollte in der gdpv-Tagung die Lage der katholischen Kirche in Deutschland und in Polen beleuchtet werden. Ausgehend von der Leitfrage, ob und inwieweit die Kirche in diesen Räumen Widerstand leistete, wurde auf die Auseinandersetzung der Bischöfe mit der Situation in ihrer Region fokussiert, ohne dabei die Kirche an der Basis aus dem Blick zu verlieren. So präsentierte Thomas Flammer (Münster) das seelsorgliche Modell der Wandernden Kirche, die ihren Ursprung unter Bischof Maximilian Kaller in Ermland nahm und sich binnen weniger Jahre auf das ganze Reichsgebiet ausdehnte. Die katholische Kirche im Deutschen Reich war von dem Problem geplagt, dass viele in der Volkskirche aufgewachsenen Gläubigen durch staatlich gelenkte Binnenwanderung ihrer gewohnten Umgebung entrissen wurden. In den Jahren 1934-43 waren davon immerhin ganze 6,5 von rund 33 Mio. Katholiken betroffen. Die katholische Kirche war daher um neue seelsorgliche Konzepte bemüht, um die größtenteils jungen katholischen Migranten erreichen zu können. Dieses Seelsorgemodell, das auf die Mobilität der Gläubigen setzte, hat bisher zu wenig Beachtung in der wissenschaftlichen Literatur gefunden, obwohl es pastoral und soziologisch gesehen große Spuren hinterließ, da die gesammelten Erfahrungen nach dem Krieg etwa in der Vertriebenenpastoral umgesetzt werden konnten.

Die Deutsche Bischofskonferenz
Prof. Dr. Joachim Kuropka (Vechta) untersuchte in seinem Referat die Lage innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz, die anders als die protestantische Kirche eine Spaltung vermeiden konnte. Die deutschen Katholiken bildeten dabei eine benachteiligte Minderheit im Volk (rund ein Drittel). Alleine gegen den deutschen Klerus verhängte das NS-Regime rund 38000 Maßnahmen. Die Kirche stellte für die Nazis eine ungeheure Bedrohung dar, da sie zwar keine politische Einrichtung darstellte, den ideologischen Totalitätsanspruch der Machthaber jedoch vollends ablehnte und somit deren Legitimität in Frage stellte. Prof. Kuropka stellte fest, dass man die Bischofskonferenz nicht als eine einheitliche Größe ansehen dürfe, die mit einer Stimme hätte sprechen können. Die Lage sah in jedem Bistum anders aus, und die Bischöfe standen unter ständiger Bedrohung. Jeder von ihnen versuchte auf seine Weise, seinen Klerus und die Gläubigen zu beschützen, um den Katholiken überhaupt Seelsorge gewährleisten zu können. Während die einen – wie z.B. Bischof von Galen – auf offenen Konfrontationskurs setzte, versuchten andere, durch Verhandlungen und diplomatische Schritte günstigere Lebensbedingungen für die Kirche zu schaffen.

Bischöfliche Seelsorge im Krieg
Wie bischöfliche Seelsorge im Krieg konkret aussehen konnte, berichtete Dr. habil. Rainer Bendel (Tübingen), der den ermländischen Bischof Maximilian Kaller mit dem Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, dem Breslauer Erzbischof Adolf Kardinal Bertram, verglich. Wie auch im vorherigen Referat wurde auch hier verdeutlicht, dass die Kirche nicht von einem einheitlichen seelsorglichen Modell, sondern von der Pluriformität ausgeht, sich also durch unterschiedliche Konzepte auszeichnet. Für Kardinal Bertram, der in der Zeit des Kulturkampfes aufgewachsen und von ihr beeinflusst war, konnte die Stärke und Überlebensfähigkeit der Kirche als Heilsanstalt nur durch ihre feste hierarchische Struktur gewährleistet werden. Der Kirche und dem Papst als Garant der Ordnung musste treuer Gehorsam entgegen gebracht werden. Das Kirchenbild Bertrams war in seinen häufigen pastoralen Schreiben von militärischem Kampfesmut geleitet.
Anders der viel jüngere Maximilian Kaller. Dieser konnte sich noch als Breslauer Diözesanpriester mit seiner Großstadtseelsorge in Berlin auszeichnen, der sein Erzbischof, Kardinal Bertram, mit großer Sympathie begegnete. Davon beeinflusst, ging Kaller als Bischof von Ermland in seinem pastoralen Konzept von der Familie und den Pfarreien als Stütze des Glaubens aus. Während des Krieges wollte er sein Bischofsamt aufgeben und als KZ-Geistlicher den Menschen in ihrer nötigsten Stunde beistehen. So schickte Kaller 1942 ein solches Ansuchen an Nuntius Orsenigo nach Berlin, der diese Bitte jedoch ablehnte, da die Neubesetzung des Bischofsstuhles wahrscheinlich nicht hätte erfolgen können.

Kirche im besetzten Polen
Dem gegenüber stellte Gregor Ploch (Wien) die Situation der katholischen Kirche im besetzten Polen dar. Auch dort sah die Lage in den jeweiligen Gebieten unterschiedlich aus. Am schlimmsten hatten es die Katholiken im westlichsten der besetzten polnischen Territorien, dem „Reichsgau Wartheland“, der als ein Mustergau für die nationalsozialistische Kirchenpolitik in allen zu erobernden Gebieten ein Experimentierfeld darstellte. Der Kampf gegen die Bistumsleistung, gegen den Klerus und schließlich gegen die polnische Intelligenz, der in diesem Dreischritt überall angewendet wurde, verlief im Warthegau besonders brutal. Überall in Polen wurden Kirchen geschlossen und die Seelsorge völlig behindert, so durch zahlreiche Verhaftungen oder durch das Verbot der Beichte in polnischer Sprache. Von den rund 10.000 tätigen Priestern bei Kriegsausbruch kam jeder fünfte in Konzentrationslagern um, und jeder zweite Diözesan- bzw. Weihbischof konnte sein Amt nicht mehr ausüben. Bei Kriegsende glich die katholische Kirche Polens einem Scherbenhaufen, so dass von einem offenen Widerstand nicht die Rede sein konnte. Zu einer Autorität der Kirche Polens wurde der Krakauer Kardinalerzbischof Adam Stefan Fürst Sapieha, da er anders als Primas August Kardinal Hlond seine Diözese nicht verlassen hatte und gegen die Maßnahmen der Nazis protestieren konnte. Dass Kardinal Sapieha jedoch im Amte belassen wurde, ging auf die Kirchenpolitik des Generalgouverneurs Frank zurück, der eine halbwegs intakte Kirche als nützlichen herrschaftsstabilisierenden Faktor betrachtete.

Filmische Darstellung
Katarzyna Golab-Schafrik (Hamburg) versuchte, die Tagungsteilnehmer durch die Rezension und Präsentation des Films „Der neunte Tag“ in das Geschehen mit hineinzuziehen. Regisseur Volker Schlöndorff griff als Vorlage das Buch „Pfarrerblock 25487“ auf, das sich auf das Tagebuch des luxemburgischen Priesters Jean Bernard stützte, der Häftling im KZ Dachau gewesen war. Gedreht wurde der Film zwischen 1996 und 2004 in Prag, Luxemburg und München.

Der Geistliche, im Film unter dem Namen Abbé Henri Kremer (gespielt von Ulrich Matthes), bekam während seines Aufenthaltes im Konzentrationslager neun Tage Heimaturlaub, doch was er in dieser Zeit tat, gibt es keine Überlieferung. Diese Lücke griff nun der Regisseur auf, um eine fiktive Geschichte zu erzählen. So muss sich Kremer jeden Tag bei der Gestapo melden und erfährt dort den Grund seines Urlaubs. Ihm und seinen mitgefangenen Priestern wird die Freiheit versprochen, wenn er seinen Bischof dazu überredet, mit den Nazis zu kollaborieren, was Kremer nach quälend langen Gewissensnöten jedoch ablehnt. Der Film soll weniger eine Geschichte erzählen, sondern den Zuschauer mit den dort dargestellten verschiedenen Grundpositionen der Hauptdarsteller konfrontieren und ihn vor die Frage stellen, wie er sich in einer ähnlichen Situation, in der es womöglich um Leben und Tod ginge, verhalten würde.

Kunst und Widerstand

Im abschließenden Referat zeigte Tobias Schrörs (Coesfeld) anhand von sakraler Kunst und Musik im Bistum Münster, wie in einzelnen Gemeinden ein mehr oder weniger versteckter Widerstand gegen das Naziregime praktiziert und eine klare christliche Positionierung eingenommen wurde. Dazu gehörte die Verbreitung des Christus-König-Motivs in Kunst und Frömmigkeit oder augustinsche Rekurrierungen auf den Gottesstaat, die eine klare Absage an den Führerkult waren. Sehr prägnant war dabei die verstärkte Zentralisierung des Kreuzes, von dem der glorreiche und in Herrscherpose dargestellte siegende Christus strahlend herabblickte. Auch das konstantinische Element des Kreuzes als dem Zeichen, unter dem der Sieg errungen wird, verdeutlichte die Ablehnung des Totalitätsanspruchs der Nationalsozialisten. Aussagekräftig waren dabei Todesanzeigen von deutschen Soldaten, die unter Einbezug von christlichen Symbolen aussagten, dass der Verstorbene für Gott und Vaterland, nicht aber für den Führer, gefallen ist.

Abschließende Eindrücke

Um sich das historische Zeugnis der Jauernicker Umgebung bewusst zu werden, nahmen sich die Teilnehmer einen ganzen Tag Zeit, um unter der exzellenten Führung von Thomas Maruck (Görlitz) die Europastadt Görlitz-Zgorzelec von beiden Seiten kennen zu lernen. Die Stadt, die während des Zweiten Weltkrieges abgesehen von der Stadtbrücke überhaupt nicht zerstört oder beschädigt worden ist, hat bis heute Spuren von ihrer Geschichtsträchtigkeit behalten. Dank der Renovierung des deutschen Teils der Stadt nach der Wende konnte so wertvolles kulturelles Erbe aufrechterhalten werden.

Im Ganzen konnte den Teilnehmern deutlich werden, dass die katholische Kirche sowohl in Deutschland wie in Polen bemüht war, die Seelsorge im Rahmen des Möglichen aufrechtzuerhalten und die Gläubigen vor Repressalien zu beschützen. Dabei kann man keine pauschalen Urteile fällen, sondern man muss stets die jeweilige Situation vor Ort berücksichtigen, da es unmöglich ist, von der Kirche als einer einzigen und einheitlichen Größe zu sprechen.

Gregor Ploch