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gdpv-Forum 2010 Drucken

„Das Kulturerbe in der deutsch-polnischen Grenzregion Oberschlesiens“


Rund 40 Interessierte folgten der Einladung der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv) nach Gleiwitz, wo vom 10. bis 13. Juni das Frühjahrsforum stattfand. Dort begaben sich die Teilnehmer auf die Spurensuche nach der früheren deutsch-polnischen Grenze und erforschten die kulturelle Identität der Bewohner des oberschlesischen Industriegebietes.

Die Tagung wurde vom Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz mitorganisiert. Ihr Ziel war es aufzuzeigen, wie sich Grenzlage und kultureller Austausch verbinden. Anhand des Wirkens zahlreicher Verbände, Organisationen und Institutionen sollten sich die Tagungsteilnehmer ein Bild über die facettenreich ausgeprägte regionale Identität der heutigen Bewohner Oberschlesiens machen, wobei der Schwerpunkt der Betrachtung mit der Woiwodschaft Schlesien im östlichen Teil der Region lag. Dabei wurden die Geschichte, Volkstradition und Kulturpflege im oberschlesischen Industriegebiet unter verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

Zur Einführung in die Thematik wurden die Tagungsgäste zunächst mit einem kurzen historischen Abriss der Geschichte Oberschlesiens vertraut gemacht. Dabei wurde insbesondere die national-politische Problematik Oberschlesiens im 19. und 20. Jahrhundert besprochen, die zu den deutsch-polnischen Spannungen führte. In einer Diskussion gingen Dr. Mirosław Sikora (Kattowitz) und Dawid Smolorz (Gleiwitz) auf die markantesten und prägendsten Punkte der jüngsten Geschichte Oberschlesiens ein: die Industrialisierung und die damit verbundenen sozialen und ethnischen Probleme, die Folgen des Ersten Weltkrieges mit den sog. Schlesischen Aufständen, der Volksabstimmung 1921 und der Teilung der Region 1922. Ein weiterer gewichtiger Punkt war das politisch-gesellschaftliche Leben in der Zwischenkriegszeit, das insbesondere unter dem Wojewoden Michał Grażyński (1926-1939) von einer gezielten Polonisierung geprägt war. Zum Abschluss der Diskussion wurde die Situation Oberschlesiens im Zweiten Weltkrieg analysiert. Hierbei wurde nicht nur auf die nationalsozialistische Politik gegenüber der Region eingegangen, sondern auch die Situation und Reaktion der Bevölkerung erörtert. Insbesondere die Einführung der sog. Deutschen Volksliste und deren politische Folgen haben die Bevölkerung nachhaltig geprägt.

Nach dieser historischen Einführung widmeten sich die weiteren Beiträge der facettenreichen Vielfalt in der gegenwärtigen oberschlesischen Gesellschaft. Zunächst wurde das Augenmerk auf die deutsche Minderheit gerichtet. Silvia Michala (Oppeln) berichtete über die deutsche Studentenverbindungstradition in Oberschlesien anhand der Tätigkeit des Vereines Deutscher Hochschüler in Polen zu Oppeln und zu Ratibor (VDH) sowie der Akademischen Verbindung Salia-Silesia im Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV). Im Anschluss an diese Präsentation stellte Rafał Bartek die Tätigkeit des Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit vor, dem er als Direktor vorsteht. Das Haus ist mit Oppeln und Gleiwitz an für die deutsche Minderheit zwei bedeutenden Standorten vertreten, mit dem Ziel, die Zusammenarbeit und den Dialog zwischen der Minderheits- und der Mehrheitsbevölkerung zu verstärken.

Im weiteren Teil kam es zu einer größeren Podiumsdiskussion zum Thema „Deutscher, Pole oder Schlesier? Zum Nationalitäts- und Identitätsproblem der Oberschlesier“, zu der mehrere Repräsentanten des oberschlesischen gesellschaftlichen Lebens eingeladen wurden. Dazu gehörten der Vorsitzende des Oberschlesischen Verbandes, Józef Buszman (Kattowitz), der Vorsitzende der Bewegung für die Autonomie Schlesiens, Dr. Jerzy Gorzelik (Kattowitz), der Direktor des Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit, Rafał Bartek, sowie der Vorsitzende des Schlesischen Verbandes der europäischen Grundrechte, Rafał Orestes Janowski (Rudahammer).

Zunächst äußerte sich Daniel Brzeszcz (Warschau) in einem Einführungsreferat aus der sprachwissenschaftlichen Perspektive zu dem strittigen Thema, inwieweit der oberschlesische Dialekt als regionale Sprache anerkannt werden könne. Diese Fragestellung ist noch heute äußerst emotionsgeladen, weil die spezifische sprachliche Einfärbung der oberschlesischen Mundart seit der Zwischenkriegszeit sowohl aus der polnischen, als auch aus der deutschen Sicht abwertend dargestellt wurde, was das Bild des ungebildeten oberschlesischen Arbeiters noch stärker geprägt hat. Die deutsche Bezeichnung „Wasserpolnisch“ zeigt auch deutlich, dass die in diesem Dialekt sprechenden Oberschlesier schlicht für Polen gehalten wurden. Die Diskussion um den Status des oberschlesischen Dialekts zeigt jedoch, dass hier die Identität der Oberschlesier und ihre Wahrnehmung außerhalb der Region im Vordergrund stehen. Noch heute ist es keine Seltenheit, dass Lehrer an Schulen die sprachliche Einfärbung von Schülern sanktionieren und diskriminieren. Darin spiegelt sich der Wunsch wider, ein einheitliches polnisches Volk großzuziehen, das über kein regionales Bewusstsein verfügt. Unabhängig davon, ob das Oberschlesische den Status einer (regionalen) Sprache bekommt oder nicht, entscheidend ist der Umgang der ganzen Gesellschaft mit der kulturellen Vielfalt in Polen.

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde betont, dass die Oberschlesier die erste Gruppe in Polen gewesen seien, die sich nach der Erlangung der politischen Selbständigkeit 1989/90 in zahlreichen Verbänden und Organisationen gesammelt hätten, um sich für die Entwicklung der Region einzusetzen. Dieses reichhaltige kulturell-gesellschaftliche Engagement der Oberschlesier habe in den übrigen Teilen Polens eine große Vorbildfunktion gehabt, so z.B. für die Kaschuben. Identitätsstiftend sei das Interesse an der regionalen Geschichte verbunden mit der Brauchtumspflege. Dieser Punkt ist jedoch problematisch und stellt den großen Schwachpunkt im polnischen Bildungswesen dar. An keiner Schule findet sich die regionale Geschichte im Lehrplan wider. Die Schüler lernen über die historische und kulturelle Bedeutung der ehemaligen polnischen Ostgebiete, die heute in der Ukraine, in Weißrussland oder in Litauen liegen. Abgesehen von einigen Schlagwörtern wie den sog. Schlesischen Aufständen würden sie die Geschichte Oberschlesiens jedoch bruchstückhaft oder gar nicht kennen, obwohl dort mehrfach Weltgeschichte geschrieben worden sei. Diese Auffassung teilten an der Tagung anwesende Lehrer, die an oberschlesischen Schulen und Hochschulen tätig sind. Daher seien gerade Nichtregierungsorganisationen und gesellschaftliche Verbände gefragt, diese Bildungslücke bei der jungen Generation zu schließen, um den Oberschlesiern eine objektive und von nationalpolitischen Elementen befreite historisch-kulturelle Sicht zu vermitteln. Eine solche Herangehensweise an die regionale Geschichte stärkt die Verbundenheit mit der kleinen Heimat, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit. Dazu gehören auch die Würdigung der deutschen Kultur und ihre Einflussnahme auf die oberschlesische Gesellschaft. Der Moderator der Diskussionsrunde, Dr. Gregor Ploch (Ratingen), betonte die prägende Rolle von kulturellen Einrichtungen, insbesondere von Museen, bei der regionalen Geschichts- und Kulturpflege. Die Zusammenarbeit von deutschen Museen, etwa dem im nordrhein-westfälischen Ratingen wirkenden Oberschlesischen Landesmuseum, mit polnischen Partnereinrichtungen sei Grundvoraussetzung dafür, dass auch historisch-politisch brisante Themen der breiten Öffentlichkeit nicht aus einseitiger nationaler Sicht präsentiert würden. Für die regionale Identitätsbildung der Bevölkerung sei gerade die Tätigkeit von Kultureinrichtungen fundamental.
Der praktische Teil der Tagung bestand aus interaktiver Gruppenarbeit und lehnte sich thematisch an die vorherigen Fragestellungen an. Unter der professionellen Federführung von Magdalena Mazik-Gorzelańczyk (Breslau) konnten sich die Teilnehmer überzeugen, wie vielfältig und unterschiedlich der Blickwinkel auf die oberschlesische Kultur und Identität sein kann.
Den folgenden Tagungstag umrahmte eine Exkursion, die zwei thematische Schwerpunkte hatte. Zunächst begaben sich die Teilnehmer in der Umgebung von Gleiwitz (Gliwice), Rudahammer (Ruda Śląska) und Hindenburg (Zabrze) auf die Spurensuche nach der ehemaligen deutsch-polnischen Grenze, die im Zuge der Teilung Oberschlesiens 1922 gezogen worden war. Bis heute sind diese Spuren sichtbar: alte Zollhäuser sind noch heute bewohnt, die Verschiebung von Straßenzügen und Straßenbahngleisen sind mühelos erkennbar, alte Grenzsteine stehen in Gärten von Bergbausiedlungen. Durch die exzellente, zweisprachige Reiseleitung von Dawid Smolorz (Gleiwitz) fühlten sich die Exkursionsteilnehmer in alte Zeiten zurückversetzt. Sehr eindrucksvoll konnten sie an einzelnen Beispielen sehen, wie sich die Grenzziehung auf das Leben der Bürger konkret ausgewirkt hatte und welche Kuriositäten dabei aufgetreten waren. Straßenbahnen und Züge, die auf ihrem innerdeutschen bzw. innerpolnischen Kurs auch nur wenige hundert Meter das ausländische Territorium passierten, mussten ihre Fahrt in Begleitung von Grenzsoldaten fortsetzen. Grenzen wurden nicht nur auf dem Gelände von Bergwerken gezogen, sondern auch unterirdisch in Schächten. Die Grenze verlief mitten durch Straßen, Bahnsteige oder Gärten.

Der zweite Teil der Exkursion war dem Wirken des bekannten Gleiwitzer Schriftstellers Horst Bienek (1930-1990) gewidmet. Seine Werke spiegeln ein sehr präzises Bild der oberschlesischen Gesellschaft wider und können als ein vortrefflicher historischer Reiseführer durch das oberschlesische Industriegebiet der Zwischenkriegszeit zur Geltung kommen. Ein unbedingtes Muss war die Besichtigung des Gleiwitzer Senders, der sich in unmittelbarer Nähe des Geburtshauses von Horst Bienek befindet und sich auch als historischer Schauplatz der Weltgeschichte in dessen Werken wiederfindet. Im Anschluss konnten sich die Exkursionsteilnehmer von der Wirkungsstätte des Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz einen Eindruck machen. Eine Führung durch die Gleiwitzer Innenstadt rundete den Ausflug ab.
Den Abschluss der Tagung bildete eine erneute Fokussierung auf das vielfältige regionale gesellschaftliche Spektrum in Oberschlesien. Bereits bei der Exkursion wurden die Teilnehmer mit den sichtbaren gesellschaftlichen Folgen der Bevölkerungsverschiebungen im 20. Jahrhundert konfrontiert. Mit der Vertreibung der Deutschen kam es nach 1945 zu einem starken, staatlich gelenkten Zuzug polnischer Bevölkerung aus Zentral- und Ostpolen, der sich in den jeweiligen Städten jedoch je nach ethnischer Zusammensetzung unterschiedlich auswirkte. Ganz stark davon betroffen war die überwiegend deutsche Stadt Gleiwitz, die im Zuge der Vertreibung der Deutschen einen viel größeren Anteil an Einwohnern verlor, als beispielsweise das benachbarte Hindenburg. Dort stellt die einheimische oberschlesische Bevölkerung bis heute eine starke Gruppe, während Gleiwitz viel stärker von ethnischen Minderheiten und Nicht-Schlesiern geprägt ist, die nach der Übernahme der ostpolnischen Gebiete durch die Sowjetunion ausgesiedelt wurden. Dazu gehören beispielsweise Ukrainer und Armenier. Der Direktor der Einrichtung „Theotokos“, in dem die Tagung durchgeführt wurde, Pater Janusz Śliwa, erläuterte die Tätigkeit seines Hauses, das – wie der Name bereits sagt – auf die osteuropäische (ostkirchliche) Region ausgerichtet ist und zahlreiche Projekte mit jungen Ukrainern, Weißrussen und Russen realisiert. Die Armenier pflegen in Gleiwitz ebenso ein reichhaltiges kulturelles und religiöses Leben, wie die Vorsitzende des Verbandes der Armenier in Polen, Anna Olszańska (Gleiwitz), erzählte.
Am Rande der Tagung versammelten sich Mitglieder der gdpv, um den Vorstand neu zu wählen. Der bisherige Vorsitzende, Dr. Gregor Ploch, wurde in seinem Amt für die nächste Amtszeit bestätigt. Zu den stellvertretenden Vorsitzenden wurden Katarzyna Golab-Schaffrik und Sebastian Kortz gewählt. Neue Beisitzer sind Teresa Zezulak, Paweł Ptok und Thilo Wunschel.

Insgesamt konnten die Organisatoren eine positive Bilanz ziehen. Sehr erfreulich war der ausgewogene Anteil von deutschen und polnischen Teilnehmern, was die Diskussion bereicherte. Durch die Zusammenarbeit mit dem polnischen Projektpartner konnten zudem gezielter die interessierte einheimische Bevölkerung erreicht werden. Studenten und Lehrende an benachbarten Schulen und Hochschulen haben durch ihre aktive Teilnahme eine reichhaltige Bandbreite an Meinungen und Sichtweisen der lokalen Bevölkerung dargeboten, wodurch alle Tagungsteilnehmer an zahlreichen Eindrücken und neuen Erkenntnissen bereichert nach Hause abreisen konnten.
Die Veranstalter danken der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, der Stiftung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit und dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien für die finanzielle Unterstützung der Tagung.

Dr. Gregor Ploch